SymbolbildPolens Gerichtskrise verschärft sich, EU-Kommission stützt Richter des Parlaments
Die Polizei riegelte am Freitag Polens Verfassungsgericht ab, nachdem eine Richterin dessen Präsidenten für suspendiert erklärt hatte. Präsident Nawrocki spricht von einer gewaltsamen Übernahme, Ministerpräsident Tusk beruft sich auf den Rechtsstaat.
Am Freitag, dem 30. Oktober, erklärte die von der heutigen Mehrheit berufene Richterin Anna Korwin-Piotrowska, Gerichtspräsident Bogdan Swieczkowski und sein Stellvertreter seien suspendiert und sie leite das Gericht. Das Gericht teilte mit, Swieczkowski bleibe im Amt. Bereitschaftspolizei bewachte das Gebäude, mehrere hundert Demonstranten versammelten sich, drei bis vier Menschen wurden festgenommen. Nawrocki brach eine Reise nach Senegal ab, drängte sich nachts ins Gericht, geriet mit einer Richterin aneinander und sprach von einer gewaltsamen Übernahme eines Verfassungsorgans. Seine Konsultationen mit den Parteien am Samstag blieben ohne Ergebnis. In einer Fernsehansprache sagte Tusk, der Rechtsstaat unterscheide sich vom Gesetz des Dschungels, und in bestimmten Dingen könne es keinen Kompromiss geben.
EU und Ex-Präsidenten beziehen Stellung
Ein Sprecher der Kommission sagte am Samstagabend, die Ernennung der acht neuen Richter falle in die Zuständigkeit des Sejm, und forderte Nawrocki zur Vereidigung auf. Vier frühere Gerichtspräsidenten nannten sein Vorgehen eine beispiellose Verletzung der Autonomie des Gerichts.
Disziplinarverfahren und Zeitplan
Am Montag kündigte Korwin-Piotrowska Disziplinarverfahren gegen Swieczkowski und seinen Stellvertreter an; die Auslosung der Richterspruchkörper wird auf die Tagesordnung am Dienstag gesetzt. Justizminister Waldemar Zurek sagte dem Sender TVP Info, die ersten Verhandlungen könnten in wenigen Wochen stattfinden.
Andere Meinungen
TASS führt die Krise auf Tusks Ernennung eines früheren Ministers zum Richter zurück und nennt Swieczkowski kommissarischen Präsidenten, westliche Medien betonen dagegen Nawrockis Weigerung, Richter zu vereidigen.