Zehn Jahre nach dem Putschversuch: Türkei zwischen Gedenken und Abrechnung
Die Türkei begeht den zehnten Jahrestag des gescheiterten Putschversuchs vom 15. Juli 2016. Regierungsnahe Medien feiern die Nacht als heldenhafte Verteidigung der Demokratie, während kritische Beobachter darin den Beginn einer verschärften Repression sehen.
Über den historischen Kern sind sich beide Seiten einig: In der Nacht zum 15. Juli 2016 stellten sich Bürger Panzern und Kampfjets entgegen und verhinderten den Sturz Präsident Erdoğans. Danach aber trennen sich die Erzählungen scharf. Das regierungsnahe Daily Sabah widmet dem Jahrestag eine ganze Serie: Es würdigt den Tag als „Wendepunkt“ der türkischen Außen- und Innenpolitik, dokumentiert neue Geständnisse über die angeblich hochorganisierten Netzwerke der als Terrorgruppe eingestuften Gülen-Bewegung (FETÖ) und porträtiert Opfer und Helden jener Nacht. Die linksliberale Le Monde zeichnet das bittere Gegenbild: Auf die anfängliche nationale Einheit sei eine Ära verstärkter Unterdrückung und beschnittener Freiheiten gefolgt, Massenentlassungen, Verhaftungen und ein Umbau des Staates. Fakt ist, dass der gescheiterte Putsch die Türkei tief geprägt hat; strittig bleibt, ob als Geburtsstunde einer wehrhaften Demokratie oder als Vorwand für einen autoritären Umbau.
